Teilhabe durch Robotik II

von ISAK GmbH

Teilhabe durch Robotik II

„Mein Kollege hat nur einen Arm“ titelte die FAZ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) im Wirtschaftsteil  ihrer Samstagsausgabe am 13. Mai 2017. Gemeint war damit aber nicht einer der 53 schwerbehin­derten Mitarbeitenden, die derzeit bei der Initiative zur Schaffung von Arbeitsplätzen für Körperbe­hinderte (Kurz: ISAK)  gGmbH in Sachsenheim im Landkreis Ludwigsburg arbeiten.       Gemeint war der „Automatische Produktionsassistent“ (Abkürzung: APAS), den die Fa. Bosch entwickelt hat. Dabei handelt es sich um einen Assistenz- bzw. Serviceroboter, der in unmittelbarer Nähe mit Menschen zusammenarbeiten kann. Möglich ist dies, weil der Roboterarm vollständig mit einer empfindlichen Sensorhaut überzogen ist: Diese bringt den Roboterarm sofort- berührungslos! -  zum Stehen, wenn ihm eine Mensch oder ein Gegenstand zu nahe kommen.  Entwickelt wurde das Anwendungsbeispiel  einer Mensch-Roboter-Kollaboration (MRK) im Rahmen des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung geförderten Verbundprojekts AQUIAS.  Bei der Projektbezeichnung handelt es sich eben­falls um eine Abkürzung: Sie steht für „Arbeitsqualität durch individuell angepasste Arbeitsteilung zwischen Servicerobotern und schwer- sowie nichtbehinderten Produktionsmitarbeitern“.  Damit umfasst das Forschungsprojekt zwei Schwerpunkte bzw. Pilotbereiche, die gemeinsam durch die drei Projektpartner - das  Fraunhofer Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation Stuttgart, die Robert Bosch GmbH und die ISAK gGmbH -entwickelt werden:  Im ersten Pilotbereich (Pilot ISAK) wird der mobile Produktionsassistent »APAS assistant« der Robert Bosch GmbH  in Kooperation mit schwer­behinderten Produktionsmitarbeitern mit sehr individuellen Leistungseinschränkungen in der Mon­tage eingesetzt. Im zweiten Pilotbereich testet die Robert Bosch GmbH unterschiedliche Formen der Arbeitsteilung zwischen Mensch und Roboter. Zielgruppe des Piloten Bosch sind Mitarbeitende ohne Leistungseinschränkungen. Die Erfahrungen aus dem ersten Pilotbereich fließen hier ein.

Die kollaborative Robotik bietet neue Möglichkeiten, um die Teilhabe schwerbehinderter Menschen am Arbeitsleben zu ermöglichen und zu verbessern. Dies reflektiert den  sozialdiakonischen Unter­nehmenszweck der ISAK gemeinnützige GmbH, einer Tochter der Stiftung Karlshöhe Ludwigsburg, die 1991 als Selbsthilfefirma gegründet wurde: Menschen ins Arbeitsleben zu inkludieren, die ihren er­lernten Beruf aufgrund des Erwerbs einer Schwerbehinderung nicht mehr ausüben können oder die aufgrund ihres Handicaps nicht in der Lage sind, eine Berufsausbildung zu absolvieren. Arbeit besitzt in unserer Gesellschaft einen hohen Stellenwert: Sie dient nicht allein der Erzielung eines Erwerbs­einkommens, sondern macht - in mehrfacher Hinsicht - Sinn:  Die Beschäftigten erhalten die Mög­lichkeit, ihren persönlichen Beitrag für das Gelingen des Ganzen zu leisten. Erwerbsarbeit ermöglicht soziale Kontakte zu Kolleginnen und Kollegen, zu Vorgesetzten,  Kunden und Lieferanten. Arbeit for­dert zur fachlichen und persönlichen Weiterentwicklung heraus und strukturiert den Alltag, die Wo­che, den Monat und das Jahr. Arbeit stärkt die persönliche Identität  durch Gemeinschaftserfahrung, Anerkennung und Korrektur.

Derzeit arbeiten etwa  zwei Drittel der insgesamt 86 voll- und teilzeitbeschäftigte Mitarbeitende bei ISAK, darunter 48 Mitarbeitende mit einer anerkannten Schwerbehinderung, im Bereich der industri­ellen Lohnbearbeitung,  dem Kern- und Stammgeschäft der ISAK gGmbH. Die weiteren 30 Mitarbei­tenden verteilen sich auf den Funktionsbereich Verwaltung sowie auf die beiden neuen Geschäftsbe­reiche im Dienstleistungsbereich: Die Gastronomie - das Restaurant Holderbüschle wurde 2010 er­öffnet – sowie die Prüfung ortsveränderlicher elektrischer Betriebsmittel nach DGUV V3 (seit 2015).

Im Bereich der industriellen Lohnbearbeitung führen die schwerbehinderten Beschäftigten nahezu ausschließlich Anlerntätigkeiten aus. Diese umfassen die optische Qualitätsprüfung von Dichtungs­ringen und Kunststoffbauteilen sowie die Montage unterschiedlicher Baugruppen für Automobilzu­lieferer, Sanitärartikelhersteller und Kunden aus anderen Branchen.

Durch die zunehmende Digitalisierung, Automatisierung und Verlagerung der Produktion in die ost­europäischen Länder und nach Fernost, insbesondere nach China, sind in Deutschland in den beiden letzten Jahrzehnten Millionen Industriearbeitsplätze, darunter zahlreiche so genannte Einfachar­beitsplätze,  verloren gegangen. Dies hat spätestens seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 auch zu einer Reduzierung der Personalstellen in der industriellen Lohnbearbeitung bei der ISAK gGmbH geführt, weil bestimmte Tätigkeiten der Wertschöpfungskette, die hauptsächlich manuell oder halbautomatisch ausgeführt wurden, kundenseitig automatisiert oder ins (personal-)kosten­günstigere Ausland verlagert wurden. Die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns in Deutschland zum 1.01.2015 hat diese Entwicklung zusätzlich beschleunigt.

Dennoch besteht auch in Deutschland seitens der Industrie, insbesondere im klein- und mittelbe­trieblichen verarbeitenden Gewerbe  noch ein Bedarf an einfachen, sich wiederholenden Tätigkeiten. Die Herausforderung besteht darin, Kundenbetriebe zu finden, die sich auf Marktnischen und auf spezielle, oft schon ältere Standardprodukte konzentrieren, für die sich vollautomatisierte Ferti­gungssysteme oder eine Verlagerung wirtschaftlich nicht darstellen lassen.

Die Mensch-Roboter-Kollaboration bietet im Bereich vergleichsweise einfacher Standardprodukte, die für Zulieferbetriebe gefertigt werden, die Chance, leistungseingeschränkte Menschen in den Her­stellungsprozess zu inkludieren. So nimmt der Leichtbauroboter seinen menschlichen Kollegen belas­tende Arbeitsschritte ab, gleicht behinderungsbedingte Leistungseinschränkungen aus und über­wacht ggf. die Qualität der gefertigten Produkte.

Im Falle des Pilotarbeitsplatzes bei der ISAK gGmbH bestücken zwei Mitarbeitende die sich an zwei Arbeitstischen gegenübersitzen, einen Werkstückträger mit Komponenten für ein Sanitärprodukt.   Die Arbeitstische sind elektrisch höhenverstellbar, so dass die Mitarbeitenden die Möglichkeit haben, wechselweise im Sitzen und im Stehen zu arbeiten.  Die beiden Arbeitsplätze verfügen jeweils über einen Übergabeplatz für bestückte Werkstückträger. Dort holt der Roboterarm den Werkstückträger  ab und beginnt der Reihe nach kleine Siebe in ein Kunststoffteil einzupressen. Sobald alle Siebe ein­gepresst sind, schiebt der Roboterarm den Werkstückträger mit den verpressten Teilen zu den Mit­arbeitenden hin. Diese ziehen die Teile über eine Prüfvorrichtung (Qualitätskontrolle).

Da die Siebe bisher mit einer Handhebelpresse in den Grundkörper eingepresst wurden, konnten für diese Tätigkeit nur Beschäftigte eingesetzt werden, die keine motorischen Einschränkungen der Arme und Hände haben. Durch den Einsatz der Servicerobotik können jetzt auch Mitarbeitende mit derar­tigen Einschränkungen eingesetzt werden. Die dauerhafte ergonomische Belastung der Mitarbeiten­den durch das bis zu 8.000malige Betätigen der Handhebelpresse je Arbeitstag entfällt vollständig. Damit neben den Zielen Teilhabe und Verbesserung der Ergonomie auch die erforderliche Produktivi­tät erreicht wird, haben die beiden Mitarbeitenden am MRK-Arbeitsplatz die Aufgabe, sowohl mit dem Serviceroboter als auch miteinander als Team zu kooperieren:  Damit dem Kollegen Roboter die Arbeit nicht ausgeht, müssen die Mitarbeitenden stets dafür sorgen, dass er in Bewegung bleibt und mit zu verpressenden Teilen „gefüttert“ wird.    

Bevor die ISAk GmbH den Serviceroboter einführte, wurden mit den für den MRK-Arbeitsplatz aus­gewählten Mitarbeitenden Workshops durchgeführt. Diese dienten einerseits der Information und Sensibilisierung der Beschäftigten, anderseits hatten die Beschäftigten Gelegenheit, eigene Anregun­gen für die Arbeitsplatzgestaltung einzubringen. 

Am 10.05.2017 wurde der Fachöffentlichkeit der in der Firma ISAK gGmbH realisierte Arbeitsplatz zur Mensch-Roboter-Kollaboration mit Schwerbehinderten erstmals im Rahmen eines Demonstrations­tags vorgestellt.

Weitere Informationen finden Sie auf der Projekthomepage www.aquias.de

Diakon Thomas Wenzler, Gesschäftsführer der ISAK gemeinnützige GmbH

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